Turkish delight

Ich hatte mal einen türkischen Freund. Er fiel eines heißen Sommers in mein Leben, ganz unerwartet und so umwerfend, dass mir die Luft wegblieb.

Wir verbrachten endlose Stunden miteinander. Zuerst im Internet, dann am Telefon, und irgendwann auch von Angesicht zu Angesicht. Ich sah ihn ein einziges Wochenende lang. Er war meinetwegen aus der Türkei nach Hamburg geflogen und wich mir für 48 Stunden nicht von der Seite. Ich war von der ersten Sekunde an verliebt gewesen. Unbesehen. Seine ersten Worte bei ICQ waren “Are you from Stuttgart?”

In den Wochen vor seiner Anreise kaufte ich mir ein kleines Konversationsbuch Türkisch und studierte fleißig die ersten Paar Seiten. Das große P ist hierbei leider kein Schreibfehler. Ich kann kein Türkisch. Ich schaffe es, mir ein Gericht mit Auberginen zu bestellen oder meine geliebte Kuttelsuppe korrekt auszusprechen. Ich kann mir aber nicht merken, was “ja” und was “nein” hieß, auch wenn ich beide Wörter kenne. Ich erinnere mich an “dokuz” und “on”, weiß aber nicht mehr, ob das “drei” und “vier” war oder eher “neun” und “zehn”. Ich kann bei Hadi Bakalım von Sezen Aksu mitsingen, habe aber keine Ahnung, worum es geht.

Türkisch soll eine sehr komplizierte, schwer zu erlernende Sprache sein. Vor allem ist sie mit keiner weiteren, lebenden Sprache verwandt. Das bedeutet, dass man wenige bis gar keine Verbindungen herstellen kann. Es ist einfach nichts “so wie bei…” Außer vielleicht, die eigene Muttersprache hat sich im Laufe der Jahre fleißig bei den Türken bedient und behandelt einige Wörter wie eigene. Das machen wir Rumänen im Übrigen mit allen Sprachen. Ich sag nur “parbriz” und “trotuar”.

Türkisch stand jahrelang auf meinem “als nächstes lerne ich”-Zettel, aber irgendwann geriet dieses Vorhaben in Vergessenheit. Ebenso wie eine Reise in die Türkei. Fragt mich nicht, wieso. It just never happened.

Ich will da aber irgendwann mal hin. Es fasziniert mich zu wissen, dass dieses Land auf zwei Kontinenten verteilt ist. Dass es, neben Griechenland (was ich im Übrigen auch noch nie besucht habe), der Schauplatz der Sagen um Odysseus, Troja, Achill und all den anderen Göttern und Helden meiner Kindheit ist. Dass Izmir das alte Smyrna ist. Dass sie Rosenmarmelade kennen, die ich auch seit meiner Kindheit liebe, wenngleich auch in Maßen, und nicht in Massen. Dass sie eine Sprache sprechen, deren Schönheit man hierzulande nicht ahnt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Teenager einen türkischen Film im Fernsehen sah. Er lief im Original mit deutschen Untertiteln und ich saß mit offenem Mund vorm Fernseher und staunte, wie melodisch und wunderschön das klang. Ganz anders als das Türkisch, das ich von Mitschülern oder von der Straße her kannte.

Vielleicht würde es helfen, wenn ich einfach eine Reisetasche packte, mich zum Flughafen begäbe und dort in das nächstbeste Flugzeug in Richtung Bodrum oder Izmir stiege. Selbstverständlich nachdem ich zuvor eingehend das Internet um ein günstiges Hotel am Ägäischen Meer befragte, denn man will ja gewappnet sein.

Und dann verlören sich meine Spuren in den Gassen einer kleinasiatischen Altstadt. Jahre später berichteten Legenden, wie ich zuletzt an einem Lokum-Stand wild gestikulierend gesehen wurde, Hände und Lippen voller Puderzucker. “Und sie sah dabei sehr glücklich aus.”

Ich lebe in einem Land, das voll von Türken ist, kenne aber keinen einzigen und verstehe kein Wort. Ich mag die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht schaffe ich es eines Tages, die Kalksinterterrassen von Pamukkale im Mondlicht zu sehen, auf der Brücke des Bosporus zu stehen und nach Asien hinüberzublicken, den Topkapı-Palast und die Hagia Sophia zu besichtigen und mich in den Tuffsteinhöhlen von Kappadokien zu verstecken. Ich will durch das alte Konstantinopel laufen und die filigran geschnitzten alten Balkone bewundern, ich will im Bazar feilschen und Leckereien vom Grill genießen. Und ich will endlich ein paar Worte Türkisch lernen.

flattr this!

2 Comments Write a comment

  1. Aber Du kennst doch eine Türkin! ;) ps: das auf der bosphorus Brücke stehen wirdnicht klappen, das darf man nicht. Es ist nur für Autos, nicht für Fußgänger. Ausser du nimmst an istanbul marathon teil, einzige möglichkeit darüber zu laufen.

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  2. Wenn es um Istanbul geht, käme ich mehr als gern mit. Ich werfe auch meine 10 Worte türkisch in die Waagschale. :)

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