Dulsberg my love

Wenn ich gefragt werde, wo ich wohne, antworte ich meistens “Wandsbek” und präzisiere dann erst die Straße. Sehr selten sagt dann jemand “Aber das IST doch gar nicht in Wandsbek!” Normalerweise sind das die ortskundigen Taxifahrer. Der Rest der Bevölkerung schweigt. Wobei, einige Witzbolde hat es schon gegeben, die mich damals, als ich hierher zog, mit “Dulsberg? Muahaha, von einem Ghetto ins andere!” foppten. Mit dem einen “Ghetto” war Billstedt gemeint, das ich 14 Jahre lang mein Zuhause nannte. Aber das ist vielleicht ein anderer Blogbeitrag.

Dulsberg also. Stiefkind von Wandsbek und Barmbek. Irgendwo dazwischen. Immer mittendrin, aber nie dabei, wenn die Großen sich unterhalten. 1,2 Quadratkilometer, bewohnt von etwas über 18.000 Menschen. Postleitzahl ist die wunderschöne 22049. Ja, ich mag diese Zahl.

Als ich hierher zog, musste ich grinsen, denn genau hier hatte zur Oberstufenzeit eine — bis heute unvergessene — Party stattgefunden. Für mich Billstedter Kind war das damals terra incognita. Wie komm ich noch mal dahin??? Ich weiß noch, dass meine Freundin und ich wie die Blinden umherirrten, bis wir auf ein paar Jungs aus meiner Stufe trafen, die uns mitnahmen. Ich erinnere mich an das Fliesenmosaik an der U-Bahn und an die Straßenkreuzung Straßburger Straße/Nordschleswiger Straße, besser bekannt als Ring 2, damals noch mit Uhr neben dem U-Zeichen. Etwa sieben Jahre später zog ich selbst hierher, lange Zeit mit dem Gedanken “meine nächste Wohnung liegt in Eimsbüttel und hat eine Badewanne”. Ähem.

Dulsberg, der Teufelsberg (Tollsberg). Ein Berg ist es in jedem Fall, über den Teufel bin ich mir nicht so sicher.

Ein Berg? In Hamburg?? Manch einer aus dem Süden kichert gerade. Aber ja, ich wohne wirklich auf einem Berg. Das ist vor allem dann zu merken, wenn es in Hamburg mal wieder eine Jahrhundertflut gibt, wenn der Himmel sich auftut und geradezu biblische Wassermassen auf uns niederregnen lässt. So wie letztes Jahr im Juni. Ganz Hamburg bringt seine Habseligkeiten aus dem Keller in Sicherheit oder pumpt das Wasser aus selbigem, ich stelle mich auf meinen Balkon und genieße die schweren Regentropfen. Und einen trockenen Keller. Meiner läuft eben nicht voll. Denn ich wohne ja auf einem Berg. Man sagt ja auch “auf dem Dulsberg wohnen”.

Was mich sofort fasziniert hat, als ich hierher zog, waren die etwa sieben Meter Straßenbahnschienen, die bis heute erhalten sind. Ich liebe sie noch immer. Die Linie 8, die hier entlangfuhr, wurde 1962 oder 1963 eingestellt, lange bevor ich überhaupt konzipiert wurde. Die 20er-Jahre-Rotklinkerbauten, die die Handschrift Fritz Schumachers tragen und bezahlbaren Wohnraum mit gemeinsam ausgeübten Freizeitmöglichkeiten verein(t)en, lernte ich später lieben, genau wie die Grünflächen, die sich zwischen den Häusern schlängeln und diesen Stadtteil luftig machen. Es hat bis vor einigen Jahren mitten auf einer dieser Grünflächen ein Planschbecken gegeben, in rotem Klinker gehalten, knapp 50 cm tief und ca 20×30 m groß. Man erzählte mir, dass es früher tatsächlich Wasser enthielt — das beweisen auch alte Fotos, auf denen die Dulsberger Kinder baden und sich im Sand tummeln — aber die Saga hatte irgendwann kein Geld mehr dafür. Mittlerweile ist daraus ein betonierter Ballspielplatz geworden, mit Basketballring und kleinem Fußballtor. Und genau daneben thronen die Reste der alten Müllverbrennungsanlage, die von Jugendlichen mit Graffitti verziert sind.

Nach dem Krieg eröffnete das erste Ufa-Kino in Dulsberg, das Ufa Dulsberg. Heute ist da Edeka drin, und nur noch das Vordach mit Lichtsäule und die alten Werbekästen an der Wand erinnern an die alten Zeiten. Um die Ecke in der Dithmarscher Straße befand sich ein weiteres Kino, das Rondeel. Ich werde nicht müde, das zu erzählen.

Laut Wikipedia haben wir hier sechs Kindergärten, eine Grundschule, zwei weiterführende Schulen, 62 Handwerksbetriebe, 17 niedergelassene Ärzte und vier Apotheken, ein Haus der Jugend, ein Spielhaus und ein Stadtteilbüro. Wir hatten auch mal einen Beachclub auf dem Straßburger Platz, aber der ist wieder weg. Dafür wurde das alte Dulsberger Freibad zum “Mekka des Schwimmsports” betitelten Olympiastützpunkt ausgebaut, mit BeachCenter und angrenzendem Sporthotel. Ich gebe zu, ich war da noch nicht.

Wir haben eine Geschichtswerkstatt, den “Mook wat” Verein mit Bildungsagentur, das Stadtteilportal dulsberg.de, ein Dulsberg-Blog, einen Kulturhof in dem Tanzkurse und Poetry Slams stattfinden, jährlich im September findet das Dithmarscher Straßenfest statt, es gibt eine online herausgegebene Stadtteilzeitung mit zum Stadtteilbild passendem Namen, eine Kirche, die vielleicht oder vielleicht auch nicht bald abgerissen wird, die aber auf jeden Fall stadtteilprägend ist, denkmalgeschützte Laubengänge, zwei U- und eine S-Bahn-Station, einen Rewe, einen Edeka, einen Aldi, einen Penny, etliche türkische Gemüsehändler und Döner-Imbisse, seit einigen Jahren einen thailändischen Imbiss, ein Café May, etliche griechische Restaurants, ein sehr gutes Asia-Restaurant mit Lieferservice, den weltberühmten Dithmarscher Grillimbiss, viel grün, viel rot, viel Herz.

OK, das klang jetzt ein wenig pathetisch, aber es ist irgendwie die Wahrheit. Und ich glaube mit ein Grund, warum wir, obwohl wir seit Jahren eine neue Wohnung suchen, immer noch nicht hier weg sind. Ich mag mich nicht von “meinem” Dulsberg trennen, auch wenn ich ständig mit anderen — westlicheren — Stadtteilen liebäugle.

Hach Dulsberg, in dir steckt eben doch der Teufel drin.

[Dieser Beitrag ist Maximilian Buddenbohm zu verdanken, der Hamburger Blogger dazu aufrief, ihren (Lieblings)Stadtteil zu beschreiben.]

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21 thoughts on “Dulsberg my love

  1. Norbert Keiner

    Von Geburt an 24.Jahre auf dem Dulsberg gewohnt. Komme immer noch gerne und laufe über den Dulsberg und in meine Eupenerstr. 6 Für die alten Dulsberger noch das Dortmunder bekannt wo wir uns immer trafen??

  2. Maike

    …und da wo auf der alten karte die irrenanstalt ist, ist heute das krankenhaus eilbek. :-) liebe solche alten karten…kann man soviel entdecken!

  3. Maike

    da freu ich mich. hätte mich auf in den tiefen meines dulsberg-daseins erschüttert gefühlt, wenns anders gewesen wäre. :-)

  4. Ina

    Ich habe ein wenig weiter recherchiert und muss Maike nun Recht geben (und Google schelten): die Grenzen von Dulsberg sind in der Tat etwas anders als ich bis gestern noch glaubte. Hier sieht man das gut. Das Café May bleibt uns erhalten, aber die Straßen südlich davon gehen somit zurück an Wandsbek. Wir sind ja nicht so. click!

  5. noidea

    Schöner Text. Bin übrigens auch ein “quasi” Nachbar. Wohne seit fast 4 Jahren in Dulsberg und finde die Lage wirklich sehr gut. Gerade die Verkehrsanbindung an die City ist Top. U-Bahn, S-Bahn und verschiedene Bussverbindungen alle sehr gut erreichbar.
    Mir fallen auch nicht viele Argumente ein hier weg zu ziehen ;-)

  6. CarlKnutsen

    Sehr schöner Artikel! Bin vor etwas über einem Jahr nach Hamburg-Dulsberg gezogen und habe es nicht bereut. Nah dran (zentral) am Rest der Stadt, klein aber fein, grün und bodenständig. :-)

  7. Maike

    Das mit der PLZ vom May mag stimmen. Aber alle umliegen Straße südlich davon sind bereits Wandsbek. Nicht erst ab der Hein-Hoyer. Sorry, ist aber so. :-) Die Stormaner Straße war und ist seit jeher die Grenze.

    Und ISS was! ist wirklich der beste Grill wo gibt!! *mjam*

  8. Ina

    Maike, ich widerspreche aufs Entschiedenste ;) Die Grenze zwischen Dulsberg und Wandsbek verläuft weiter südlich, bei der Von-Hein-Straße, und die PLZ der Stormarner Straße 34 (die Adresse des Café May) ist auch 22049. Ich hab da mal eine Grafik vorbereitet… click!

  9. Alexander

    Gelegentlich habe ich von Barmbek-Nord aus Spaziergänge gemacht, die mich nach (oder auf den) Dulsberg führten. Mir kam das Viertel immer vor wie Barmbek ohne Geschäfte. Ich mag die Schumacherbauten, daher finde ich die Gegend architektonisch attraktiv.

    Dann habe ich im Jahr 2007 bei “Die Waschmaschine” eine (tata!) Waschmaschine gekauft. Geht da einkaufen! Bester Weißgerätehändler von Welt. Aber nehmt Bargeld mit. Auf meine Frage, ob ich mit Karte bezahlen könne, verdrehte er nur die Augen und sagte: “Wir haben das wieder abgeschafft. Zuviele geplatze Lastschriften. Schauen Sie sich mal hier in der Gegend um…”

    Schade drum, das Viertel hat wirklich seinen Charme.

  10. Maike

    Toller Blogeintrag! Da finde ich mich als Ur-Dulsbergerin gut wieder. Ich bin hier geboren und weiß, ich sollte nach 33 Jahren mal “woanders” hin. Aber wo wohnt man so zentral und doch so “dörflich”?

    Als Kind und Jugendliche hab ich mich geschämt zu sagen, dass ich “aufm Dulsberg” wohne, heute bin ich stolz drauf.

    Seit einiger Zeit gibt es ein Forum auf facebook, welches gg den Abriss der Kirche plädiert. (s.o.)

    Eine kleine Sache zum Schluss:
    Das Café May ist nicht mehr in Dulsberg gelegen. Die Mitte der Stormaner Straße bildet genau die Grenze zwischen Dulsberg und Wandsbek. Erkennt man auch an der PLZ.

    Guter Text!

  11. Stephan

    “OK, das klang jetzt ein wenig pathetisch, aber es ist irgendwie die Wahrheit.”

    Möchte ich hiermit unterschreiben. Bester Text über Dulsberg seit mindestens 10 Jahren.

  12. Piet

    «Dulsberg also. Stiefkind von Wandsbek und Barmbek. Irgendwo dazwischen. Immer mittendrin, aber nie dabei, wenn die Großen sich unterhalten.»

    Naja, genau genommen irgendwie ein Scheidungskind. Denn ursprünglich bezeichnete Barmbeck (ja, mit ck) die Gesamtheit von Barmbek-Nord, -Süd und Dulsberg. Basch. Wandsbek spielte da eher eine Nebenrolle, deswegen liegt es ja auch nebenan. ;) Und Dulsberg, so erzählte meine Oma früher, war der mit Abstand modernste Stadtteil, „flott“ nannte man das wohl, als Barmbek-Nord eher noch Acker war. Und hat heute ja auch wieder recht schöne Ecken (also auf der Seite, nicht auf jener).

    Nee, nee, ich liebe den Backstein und seinen Vorgarten, den Stadtpark. Da kann mir Eimsbusch dreimal gestohlen bleiben. :)

  13. textundblog

    Danke, Frau Nachbarin, für den wunderbaren Blogartikel aus der Wandsbeker Nachbarschaft. Ich wohne ja auch nur 2 Straßen von Dulsberg entfernt und bin da öfter mal zum Kuchenessen: textundblog.de/?p=3684. Und unser Treff neulich mit Svensonsan im Dithmarscher Grillimbiss ist mir auch in bester Erinnerung geblieben.

    Auch DAS ist Hamburg: die kleinen feinen Stadtteile, die entweder keiner kennt oder von denen nur falsche Bilder in den Köpfen der Ahnungslosen existieren.

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