Sound of Heimat

Ich habe Volksmusik immer abgelehnt, fand sie zu spießig, zu sehr “heile Welt”, zu volkstümlich, altmodisch, altbacken. Volksmusik und ihr kleiner Bruder der Schlager waren für mich, zusammen mit ihrem Cousin dem Karneval, Ausgeburten der Hölle.

Auch mit den dazugehörigen Kostümierungen wie Dirndl und Lederhosen konnte ich mich nie anfreunden. Ich war immer ganz froh, dass Deutschland – im Gegensatz zu dem, was viele andere Länder und Völker denken – sich nicht hauptsächlich über diese “pseudo-historische Bauernverkleidung” nebst Schuhplattler und Jodeln definiert. Vor allem hier im Norden bin ich von derlei Volkstümlichkeiten immer verschont geblieben. Zum Glück.

So dachte ich immer. Und dann sah ich dies:

Und ich wusste sofort, dass ich diesen Film unbedingt sehen muss.

Ich sollte Recht behalten. Ich sah und hörte fremde Menschen Lieder singen, mit Verve aber ohne falsches Pathos, mit Liebe zur Tradition aber ohne Volkstümelei, mit Überzeugung aber auch voller Humor. Wunderschöne Lieder, lustige Lieder, Lieder die nachdenklich machen, Lieder die ich irgendwo schon mal gehört hatte. Nicht nur einmal ertappte ich mich dabei, wie ich selbst mitsummte. Und nicht nur einmal hatte ich Tränen in den Augen, weil mich die Lieder so sehr berührten.

Der Film ist eine wunderbare Reise durch Deutschland und eine Hommage an seine Musik. Ob im Allgäu oder an der Ostsee, in den Bergen oder am Meer – Menschen haben schon immer gesungen und getanzt, und es bedarf eines Fremden, uns wieder vor Augen zu führen, dass das nichts Verwerfliches oder Peinliches ist.

Während ich im dunklen Kinosaal gleichzeitig feuchte Augen und ein glückliches Lächeln auf den Lippen hatte, fragte ich mich kopfschüttelnd, warum in meinem Leben keine Musik ist. Und dann fiel es mir wieder ein: Im Kindergarten war ich in einer Volkstanzgruppe, in der Schule sang ich im Chor. Und zwar eigentlich ganz gerne. Es ist sehr lange her, und manchmal – wenn ich heutzutage versuche, bei Musik mitzusingen – bin ich über meine Schwierigkeiten, die Töne zu treffen, sehr erstaunt. Aber durch diesen Film habe ich Lust bekommen, mal wieder zu singen, und zwar laut und mit anderen, und nicht nur allein in der Dusche oder beim Abwaschen. Ich habe eine Freundin, die im Chor singt. Ich werde das nächste Mal einfach mitgehen.

Der Film heißt “Sound of Heimat”. Ich bin mir nicht sicher, was meine Heimat ist. Aber vielleicht ist Heimat nicht ein Ort auf diesem Planeten, sondern einfach die Musik, die wir in uns tragen.

flattr this!

7 Comments Write a comment

  1. : Aber vielleicht ist Heimat nicht ein Ort auf diesem
    : Planeten, sondern einfach die Musik, die wir in uns tragen.

    Ja. Was ein schöner Satz.

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  2. Ah, nein, sorry, gerade selber gegoogelt. Was? Der ist von 2011? Oje, da hab ich aber lange gepennt, peinlich!
    Schade, den gibt es nicht auf iTunes. Wo hast Du ihn her?

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  3. Ich hab ihn gestern in Wilhelmsburg gesehen. Heute lief er auch nochmal.

    Wenn man über 50 Leute und einen gemeinsamen Termin findet, kann man ihn auch privat ausstrahlen.

    Über die Abo-Funktion denke ich nach ;)

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  4. Hallo Ina,

    es ist schön zu sehen, dass auch andere junge Menschen der Film und das Thema berührt hat, so wie mich.

    Ich habe mir gestern den Film bereits zum zweiten Mal angeschaut.

    Ich hab ihn zum ersten mal vor 2 Wochen auf einem Kurs, der das Thema “Heimat” gesehen und Loni Kuisle erlebt, die mit uns gejodelt hat.

    Wir waren auch kurz in einer Kapelle und haben dort den Andachts-Jodler gesungen. Das war so ein Moment in dem alles andere unwichtig wurde und ich gespürt habe, was diese Musik den Menschen gab und geben kann.

    Heimat ist dort wo(bei) sich die Seele geborgen fühlt.

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