Pêle-mêle

Ich bin in Rumänien. Die ganze Familie hat sich eingefunden, denn es gibt etwas zu feiern: meine fast neunzigjährige Oma, die blind ist und sich nicht mehr selbstständig bewegen kann (vulgo an einen Rollstuhl gefesselt ist), heiratet. In Rumänien. Mit der ganzen Familie.

Ich bin zum ersten Mal wieder in der Heimat, alles ist fremd, der Wechselkurs absurd. Wir ziehen durch die Straßen, um zur Kirche zu kommen, teils zu Fuß, teils in Kutschen. Ich bin allein in meiner. Und weil es angefangen hat zu regnen, ziehe ich das Verdeck zu. Der Kutscher, ein jungen Mann mit feurigen Augen, protestiert flirtend und pflückt mir Weidenkätzchen von den nahen Bäumen.

Wir finden uns in der Kirche ein. Meine Mutter soll die Konten verwalten: jeder, der kommt, gibt einen Beitrag zur Zeremonie ab, den meine Mutter in bunte Listen einträgt. Ich stoße in dem Moment hinzu, als sie sich hilflos kopfschüttelnd beschwert, dass sie den Überblick verloren hat und nicht weiß, wieviel das alles ist.

Ich lasse mich in eine Grundsatzdiskussion über Religionen verwickeln, die Tante der Nichte der Schwägerin (?), die sie angefangen hat, ist der Meinung, viele verschiedene Religionen seien verkehrt. Ich halte dagegen (in einem mir selbst überraschend langsamen Rumänisch), dass alle Menschen verschieden sind und jeder anders empfindet und ich zum Beispiel überhaupt an keinen Gott glaube. Mein Vater, der neben mir steht, bedeutet mir mit einem Ellbogenstoß, aufzuhören.

Wir gehen in das Hauptschiff. Dort, genau in der Mitte, sitzt meine Oma in ihrem Rollstuhl, flankiert von zwei Tanten. Daneben sind mit bunten Tüchern behängte Sofas, auf die wir Platz nehmen sollen. Ich tausche entschlossene Blicke mit meiner Schwester aus: “Nicht in die erste Reihe!” Wir geben Gabi den Vortritt, unserer VorzeigeCousine.

Die Zeremonie beginnt. Im Raum ist es still. Irgendeine Tante hat ein Buch mitgebracht, aus dem sie nun vorliest, während meine Oma andächtig mit dem Kopf wackelt.

Ich bemerke die zwei kleinen Kinder, die an meiner Seite sitzen. Sie werden unruhig. Das größere fängt an, das Kleinere zu hauen. Es soll keine Komplikationen geben, also nehme ich das Kleinere zu mir und flüstere ihm zu, es soll schlafen. An mich gelehnt, versucht es die Augen zu zu machen. Es ist so weich und warm…

Ja, Dietrich, genau hier hast du mich geweckt!

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2 thoughts on “Pêle-mêle

  1. christian

    Das ist ja ein genauso plastischer Traum, wie meiner, laut dem Deine Schwester demnächst hier ein Kreativpraktikum zu absolvieren hat – ich freu mich drauf. Das wird bestimmt “otschen” lustig!!! Einen schönen Sonntag Euch beiden!

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