Es scheint neuerdings (immer?) so, dass aus dem Spanischen übersetzte Bücher nicht so ganz nach meinem Gusto sind. Das war bei "Sombra del viento"
schon so. Jetzt gerade lese ich
Das Papierhaus von Carlos María Domínguez. Diverse Kriterien haben seinerzeit dafür gesorgt, dass es in meinen Besitz gelangte: der Titel, der spanische Autor, der Verlag (
Eichborn. Der mit der Fliege - Ich mein', was kann man da schon falsch machen?), die auf dem Buchumschlag verstreuten Buchstaben in der großartigen Farbkombination dunkelbraun und orange, die holzähnliche Beschaffenheit des Umschlags, die Synopsis auf dem Buchrücken: "Ein geheimnisvolles Buch, ein unbekannter Absender in Südamerika, eine Reise auf den Spuren eines Mannes mit einer außergewöhnlichen Liebe zu Büchern..." Alles in allem die perfekte Mischung, um meine volle Aufmerksamkeit zu erlangen. Noch dazu ist es handlich und klein (knapp 90 Seiten) und es hat vorne eine schöne Karte von Südamerika auf durchscheinendem Pergamentpapier.
Aber (und es muss dieses Aber geben, sonst wäre dieser Eintrag nie geboren worden) es
nervt mich. Nicht die Handlung; ich finde es durchaus spannend, einem Unbekannten durch die Kontinente zu folgen, auf der Suche nach dem Ursprung eines alten Buches. Aber bei jedem Satz habe ich den Drang, der Übersetzerin aufzulauern und ihr eins mit der Bratpfanne über den Schädel zu geben. Oder schlimmer: sie zwingen, ihre eigene Übersetzung zu lesen.
Schon wieder drängt sich mir bei jeder gelesenen Seite der Gedanke auf, dass es im Original womöglich (nein, ganz bestimmt!) besser geklungen hätte, fließender, weicher, eingängiger, schöner. Die Gedankengänge sind schwerfällig, die Sätze zu lang und zu verschachtelt (und ich
liebe lange, verschachtelte Sätze, in die man tausend Ideen miteinander verwebt, sie miteinander verlobt und verheiratet, um sie vor Ende des Satzes wieder in Feindschaft auseinandergehen zu lassen. Ich sag's ja). Aber hier...
Als ich einen Sprachkurs in Spanien machte, hörten wir eines Abends einen Vortrag über Flamenco. Es war eine Flamencotänzerin in unsere Schule gekommen, um uns was übers Tanzen und Fühlen zu erzählen. Und sie berichtete uns von einer Tänzerin aus ihrem Tanzzentrum, eine Japanerin, die alle Schritte, alle Bewegungen, alle Kombinationen perfekt beherrschte. Allerdings hatte sie immer nur
einen Gesichtsaudruck auf Lager: den des leicht erschrockenen Püppchens. Und das, liebe Leute, passt nicht im Geringsten zum Schmerz und Leid des Flamencotanzes.
So auch "Das Papierhaus", vielmehr die Übersetzering. Wahrscheinlich beherrscht sie die spanische Sprache perfekt, kann mit allen Periphrasen im Schlaf jonglieren, Subjuntivo und Indicativo bereiten ihr keine Kopfschmerzen. Aber was nützt das ohne ein Gefühl für die Sprache? Eine Sprache ist eben mehr als die Summe ihrer Teile, viel mehr als Grammatik plus Vokabeln. Sie lebt, und das muss man spüren können. Setzen, sechs...
So, ich muss jetzt die letzten zwei Seiten zu Ende lesen. Und das nächste Mal, ich schwöre, hol ich mir das spanische Original.