Aller Anfang ist schwer
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ob ich es tun soll oder nicht - und ob ich darüber schreiben soll oder nicht. Jetzt bin ich hier, also lautete die Antwort wohl in beiden Fällen ja ;-)
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr euch einer Sache schämt, dass ihr euch sosehr in euch zurückzieht, dass ihr hofft, dass niemand es merkt, das böse Etwas, das eure Seele kratzt? Das war bei mir zum Beispiel der Fall als ich noch Jungfrau war, oder als ich noch nicht schwimmen oder Autofahren konnte. Es war mir immer peinlich - bis ich den Zustand geändert habe. Ab dann konnte ich frei darüber reden und sogar lachen. Es hatte seine Schwere verloren, seine monströse Wichtigkeit, seine Last. Auf einmal war es mir gar nicht mehr so peinlich.
Jetzt habe ich noch so ein Ding, das gerade kleiner wird. Das sind meine Zähne. Wer mich (gut) kennt, weiß das. Alle anderen haben ironischerweise womöglich nie etwas gemerkt. Mittlerweile kann ich auch _darüber_ lächeln.
Um es kurz zu machen, ich habe lange Jahre unter meinem Gebiss gelitten, mochte nicht lachen und mochte mich nie auf Fotos sehen. Meist habe ich das alles gut verdrängt, aber wenn ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, war es da. Und belastete mich ungemein.
Eines Tages* habe ich dann meinen Zahnarzt gefragt, ob er nicht einen guten Kieferorthopäden kennt. Er gab mir eine Karte. Gleich um die Ecke. Ich habe diese Karte monatelang mit mir rumgeschleppt, bis ich mich irgendwann (ich hatte einen Tag frei) getraut habe, dort anzurufen und einen Termin zu machen. Das war letztes Jahr im November.
Ich ging hin, ließ mir ins Maul schauen und mir erzählen, dass es sehr wohl möglich ist, mir ein Hollywood-Lächeln zu verpassen, und dass es rund 5000 Tacken und 2 Jahre kosten würde. Ich hatte genau damit gerechnet (den Teil mit "ist möglich" hatte ich erhofft), also kam ich nochmal, um Fotos und Abdrücke zu machen, und dann nochmal, um einen sehr langen Abend mit dem Arzt in seiner mittlerweile verlassenen Praxis zu sitzen und Möglichkeiten aufzudröseln. Es war sehr aufschlussreich. Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie Zähne und Kiefer wachsen, wie man sie erfolgreich daran hindert und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt (Invisalign zum Beispiel kann bei einem offenen Biss nichts ausrichten, denn es bewegt nur seitlich, aber nicht runter. Ach ja, und kostet Unmengen mehr, aber das wurde dann auch unwichtig).
Heute also hat die Behandlung angefangen. Mit einem ersten kleinen Schritt, dem Einsetzen von Gummiringen um die Backenzähne (im Fachjargon Molaren), um eben diese ein wenig auseinanderzuseparieren. Das ist wichtig, damit später (in genau einer Woche) die Zahnspange eingesetzt werden kann. Ähh, habe ich das schon gesagt, es wird eine feste Klammer, aber keine old school Metallklammer, sondern nur vom Feinsten, aus Keramik. Bin ja keine 14 mehr.
Nun sitze ich hier mit den Gummiringen, die aufquellen und meine Kaufläche langsam auseinanderschieben, und spüre sie immer mehr. Es fühlt sich so an, als hätte ich was zwischen den Zähnen, har har. Ich muss aufpassen, dass ich die Dinger nicht mit der Zunge rausprokle. Beißen ist komisch, da ist eben was zwischen. Ich hab ja sonst auch nicht so viel Kontakt, aber jetzt ist sogar das Bisschen weg. Strange. Rechts oben tut's ein wenig weh. Aber da ich gleich weggehe mit den Mädels, muss Vodka-Red Bull eben als Anästhetikum herhalten ;-)
Ach ja, die Ringe sind dunkelblau! Warum, frage ich mich. OK, sie haben Metalleinschlüsse, damit sie - falls sie in der Zahn(fleisch)tasche verschwinden - auf dem Röntgenbild erkannt werden können, aber Herrgott, warum dunkelblau? Weiß gar nicht, ob ich noch lachen mag. Sieht man wohl nicht...
So, mittlerweile wirken die beiden Anästhetika, ich mach jetzt Schluss. Die Mädels warten. Ich werde weiter berichten, wie es läuft. Und falls sich jemand fragt, warum ich darüber schreibe, so sei hier gesagt: weil ich das dringende Bedürfnis nach dem geschriebenen Wort habe und das Schreiben in ein old school Tagebuch nicht den halben Spaß bedeutet (shit man, ich habe seit Jahren keinen Stift mehr angefasst).
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*) Die Geschichte ist eigentlich viel länger, aber ich mag sie jetzt nicht erzählen. Vielleicht ein andermal. Man wirft mir eh immer Langatmigkeit vor ;-)
"Aller Anfang ist schwer" | 07.03.09 00:25
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